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Bildungsumwelt und Regulation: Welche Anforderungen Bildungseinrichtungen tatsächlich stellen

Rebekka Emersleben
— 10 minuten gelesen
Bildungsumwelt und Regulation: Welche Anforderungen Bildungseinrichtungen tatsächlich stellen

Im vorangegangenen Beitrag habe ich die Personenseite betrachtet: individuelle Regulations- und Verarbeitungsvoraussetzungen im Bildungskontext. Dabei ging es um die Frage, wie unterschiedlich Menschen Aufmerksamkeit steuern, Reize verarbeiten, Informationen aufnehmen, Bewegung nutzen, soziale Situationen bewältigen, zeitliche Abläufe verarbeiten oder eigene körperliche Zustände wahrnehmen.

Diese Perspektive ist notwendig, wenn Neurodiversität nicht nur über Diagnosen, sondern als grundlegende menschliche Variabilität verstanden werden soll. Sie bleibt jedoch unvollständig, solange wir ausschließlich auf die Person schauen.

Denn individuelle Voraussetzungen entfalten ihre Bedeutung immer in einer konkreten Umwelt. Ein bestimmtes Aufmerksamkeitsprofil ist nicht für sich genommen „problematisch“. Ein ausgeprägter Bewegungsbedarf ist nicht automatisch eine Schwierigkeit. Eine hohe sensorische Sensitivität ist nicht per se hinderlich. Entscheidend ist, auf welche Bedingungen diese Voraussetzungen treffen. Genau hier beginnt die Umweltseite.

Bildungseinrichtungen sind keine neutralen Orte, in denen individuelle Unterschiede lediglich sichtbar werden. Sie strukturieren Wahrnehmung, Zeit, Kommunikation, Bewegung, soziale Interaktion und Informationsverarbeitung. Sie legen fest, wann etwas beginnt, wie lange es dauern darf, wie schnell gewechselt wird, wie Informationen vermittelt werden, wie viel Selbstorganisation erwartet wird und welche Formen von Verhalten als angemessen gelten. Damit erzeugen Bildungsumwelten selbst Regulations- und Verarbeitungsanforderungen.

Eine zentrale Frage lautet deshalb:

Nicht nur: Welche Voraussetzungen bringt ein Mensch mit?
Sondern auch: Welche Regulationsleistungen verlangt die Umwelt von ihm?

Diese zweite Perspektive ist für mich entscheidend, wenn Bildung neurodiversitäts- und regulationssensibel gestaltet werden soll. Denn erst wenn wir beide Seiten ernst nehmen, können wir verstehen, warum dieselbe Situation für den einen Menschen kaum belastend ist und für einen anderen erheblichen Regulationsaufwand erzeugt.

Bildungsumwelt ist mehr als „Rahmenbedingung“

In pädagogischen Kontexten wird häufig von Rahmenbedingungen gesprochen. Der Begriff kann leicht suggerieren, dass diese Bedingungen lediglich den äußeren Kontext bilden, während Lernen und Regulation im eigentlichen Sinne „im Kind“ stattfinden. Genau diese Trennung greift zu kurz.

Ein Klassenraum mit hoher Lautstärke verändert die sensorische Anforderung. Ein Stundenplan mit häufigen Wechseln verändert die zeitliche Regulationslast. Ein mehrteiliger mündlicher Arbeitsauftrag verändert die Arbeitsgedächtnis- und Verarbeitungsanforderung. Eine unklare Aufgabenstellung erhöht den Bedarf an Interpretation. Eine Gruppenarbeit erhöht soziale und interaktionale Anforderungen.

Die Umwelt ist damit nicht bloß Hintergrund. Sie ist ein aktiver Teil der Situation.

Sie kann Anforderungen erhöhen oder reduzieren. Sie kann Regulationsprozesse erleichtern oder erschweren. Und sie kann dazu beitragen, dass bestimmte individuelle Voraussetzungen kaum ins Gewicht fallen oder sehr bedeutsam werden.

Um diese Umweltseite präziser zu beschreiben, lassen sich acht zentrale Bereiche institutioneller Regulations- und Verarbeitungsanforderungen unterscheiden.


1. Sensorische Umweltbedingungen

Jede Bildungsumgebung ist sensorisch geprägt. Geräusche, Licht, Bewegung, Gerüche, visuelle Informationen, Berührungsnähe und räumliche Dichte wirken gleichzeitig auf Menschen ein. Die sensorische Qualität einer Umgebung entscheidet mit darüber, wie viel Energie bereits dafür benötigt wird, überhaupt in einem regulierten Zustand zu bleiben.

Ein wichtiger Aspekt ist die Reizintensität. Manche Räume sind sehr laut, stark beleuchtet oder visuell dicht gestaltet. Andere sind vergleichsweise ruhig und reizarm.

Ebenso relevant ist die Reizdichte. Nicht nur einzelne intensive Reize können belastend sein. Auch viele gleichzeitig auftretende, für sich genommen moderate Reize können einen hohen Verarbeitungsaufwand erzeugen.

Hinzu kommt die Reizkontrollierbarkeit. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ein störender Reiz vermeidbar ist oder nicht. Kann ein Kind Abstand herstellen? Darf es den Arbeitsplatz wechseln? Gibt es Rückzugsmöglichkeiten? Kann Lautstärke reduziert werden? Oder muss der Reiz ausgehalten werden?

Gerade im Schulalltag ist diese Dimension häufig unterschätzt. Klassenzimmer sind komplexe sensorische Umgebungen. Es sprechen mehrere Menschen, Stühle werden bewegt, Papier raschelt, andere Kinder laufen durch den Raum, Materialien hängen an den Wänden, Lichtquellen wechseln, Gerüche und Berührungsnähe kommen hinzu.

Für manche Menschen ist diese Reizlage problemlos integrierbar. Andere müssen einen erheblichen Teil ihrer Regulationsressourcen dafür aufwenden, irrelevante Reize überhaupt zu filtern oder auszuhalten.

Das hat unmittelbare Folgen für Lernen. Denn Energie, die für Reizverarbeitung und Reizregulation benötigt wird, steht nicht unbegrenzt gleichzeitig für Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, soziale Orientierung oder Aufgabenbearbeitung zur Verfügung.


2. Zeitliche und rhythmische Bedingungen

Bildungseinrichtungen strukturieren Zeit stark. Unterricht beginnt zu bestimmten Zeiten. Arbeitsphasen enden nach vorgegebenen Intervallen. Pausen sind festgelegt. Übergänge zwischen Räumen, Fächern, Lehrpersonen und Aufgaben erfolgen nach einem institutionellen Rhythmus. Diese zeitliche Ordnung ist für den Schulalltag selbstverständlich. Regulatorisch ist sie jedoch hoch relevant.

Ein wichtiger Faktor ist die Taktung. Wie eng sind Arbeitsphasen aufeinander abgestimmt? Wie viel Zeit bleibt zwischen zwei Anforderungen? Wie häufig muss innerhalb kurzer Zeit von einer Tätigkeit zur nächsten gewechselt werden?

Hinzu kommt die Übergangsdichte. Ein Schultag enthält zahlreiche kleine und große Übergänge: vom Ankommen zum Unterricht, vom Zuhören zur Einzelarbeit, von der Einzelarbeit zur Gruppenphase, vom Klassenraum in die Pause, von der Pause zurück in den Unterricht, vom einen Fach zum nächsten.

Übergänge sind keine neutralen Momente. Sie verlangen Anpassung.

Die bisherige Tätigkeit muss beendet, Aufmerksamkeit neu ausgerichtet, Material gewechselt, möglicherweise ein anderer Raum aufgesucht und eine neue soziale oder fachliche Situation verarbeitet werden. Für manche Menschen gelingt das nahezu automatisch. Andere benötigen deutlich mehr Vorlauf, Orientierung oder Zeit.

Auch die Pausenstruktur gehört zu dieser Dimension. Pausen werden institutionell häufig als Erholungszeit betrachtet. Aber nicht jede Pause ist regulatorisch tatsächlich erholsam. Eine laute, volle Hofpause mit hoher sozialer Interaktionsdichte kann für manche Kinder eine willkommene Aktivierung sein. Für andere erhöht sie die Belastung zusätzlich. Deshalb reicht es nicht, nur zu fragen, ob Pausen vorhanden sind. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Regulationsmöglichkeiten eine Pause tatsächlich eröffnet.


3. Informations- und Verarbeitungsanforderungen

Bildung ist in hohem Maße Informationsverarbeitung. Schüler:innen hören Erklärungen, lesen Texte, interpretieren Aufgabenstellungen, behalten Informationen im Gedächtnis, verknüpfen Neues mit Vorwissen und müssen häufig innerhalb kurzer Zeit reagieren. Die Umwelt bestimmt dabei wesentlich, wie Informationen präsentiert werden.

Ein zentraler Faktor ist die Informationsdichte. Wie viele Informationen werden gleichzeitig vermittelt? Wie viele Arbeitsschritte enthält eine Aufgabe? Wie komplex sind Anweisungen? Wie viele unterschiedliche Quellen müssen parallel berücksichtigt werden?

Ein zweiter Faktor ist die Darbietungsmodalität. Werden Informationen ausschließlich mündlich vermittelt? Gibt es schriftliche Ergänzungen? Werden Abläufe visualisiert? Können Informationen erneut nachgelesen werden? Werden mehrere Sinneskanäle gleichzeitig genutzt?

Auch das Darbietungstempo ist relevant. Wie schnell folgen Informationen aufeinander? Wie viel Zeit bleibt zwischen einem Input und der erwarteten Reaktion? Kann eine Person nachfragen oder Inhalte wiederholen?

Gerade hier ist die Trennung zwischen Person- und Umweltseite sehr hilfreich:

Verarbeitungstempo ist eine individuelle Voraussetzung.
Darbietungstempo ist eine Eigenschaft der Umwelt.

Dasselbe gilt für Informationsdichte. Wenn ein Mensch nur dann Schwierigkeiten zeigt, wenn viele Informationen gleichzeitig, schnell und ausschließlich mündlich vermittelt werden, ist es fachlich wenig überzeugend, die Schwierigkeit ausschließlich in der Person zu verorten.


4. Exekutive und organisatorische Anforderungen

Schulischer Alltag verlangt ein hohes Maß an Selbstorganisation. Materialien müssen mitgebracht und wiedergefunden werden. Aufgaben müssen begonnen werden. Arbeitsaufträge müssen in Handlungsschritte übersetzt werden. Termine müssen erinnert, Prioritäten gesetzt und mehrere Anforderungen parallel koordiniert werden.

Ein wichtiger Faktor ist der Selbstorganisationsgrad. Wie viel Struktur wird von außen bereitgestellt und wie viel muss die lernende Person selbst erzeugen? Eine Umgebung kann stark strukturiert sein: Arbeitsaufträge sind klar gegliedert, Materialien liegen bereit, Abläufe sind visualisiert und Zwischenschritte sind sichtbar. Oder sie kann hohe Selbstorganisation voraussetzen: „Bearbeitet die Aufgaben bis Freitag“, „Organisiert euch in Gruppen“, „Plant selbst, wie ihr vorgeht“. Beides kann fachlich sinnvoll sein. Es erzeugt jedoch sehr unterschiedliche exekutive Anforderungen.

Hinzu kommt die Planungskomplexität. Je mehr Schritte eigenständig entwickelt, geordnet und überwacht werden müssen, desto höher die exekutive Last.

Auch die Arbeitsgedächtnislast spielt eine wichtige Rolle. Ein mündlicher Auftrag wie „Holt euer Heft heraus, schlagt Seite 38 auf, übertragt die Tabelle und bearbeitet anschließend Aufgabe 2 und 3“ verlangt nicht nur Verständnis. Er verlangt gleichzeitig, mehrere Informationen aktiv verfügbar zu halten. Wenn dieselbe Aufgabe sichtbar an der Tafel steht oder schrittweise vermittelt wird, verändert sich die kognitive Last, obwohl die fachliche Anforderung identisch bleiben kann.

Das ist ein wichtiger Punkt: Umweltgestaltung bedeutet nicht zwangsläufig, fachliche Anforderungen zu senken. Sie kann auch bedeuten, unnötige Regulations- und Organisationslast zu reduzieren.


5. Kommunikative Anforderungen

Kommunikation im Bildungskontext ist häufig komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheint. Arbeitsaufträge, Regeln, Rückmeldungen und soziale Erwartungen werden nicht immer vollständig explizit formuliert.

Ein zentraler Faktor ist deshalb die Eindeutigkeit. Ist klar, was gemeint ist? Sind Erwartungen konkret benannt? Ist nachvollziehbar, was als angemessene Reaktion gilt?

Daneben steht die Implizitheit. Viele institutionelle Regeln werden nicht ausgesprochen. Sie gelten als selbstverständlich. Schüler:innen sollen erkennen, wann eine Lehrkraft tatsächlich eine Antwort erwartet, wann eine Aussage eher als Hinweis gemeint ist, wann eine Aufgabe „ordentlich genug“ erledigt wurde oder welche Verhaltensnormen in einer bestimmten Situation gelten. Für Menschen, die stark von expliziter Kommunikation profitieren, können solche impliziten Erwartungen erheblichen zusätzlichen Verarbeitungsaufwand erzeugen.

Auch Spontaneität ist ein wichtiger Faktor. Wie häufig wird eine Person unerwartet angesprochen? Wie schnell wird eine Antwort erwartet? Gibt es Zeit zum Nachdenken? Werden Antworten in großen Gruppen spontan eingefordert? Ein Unterricht, der stark auf spontane verbale Reaktion setzt, erzeugt andere Kommunikationsanforderungen als ein Unterricht, in dem auch schriftliche, vorbereitete oder zeitversetzte Antworten möglich sind.


6. Soziale und interaktionale Anforderungen

Bildung findet fast immer in sozialen Kontexten statt. Allein die Anwesenheit vieler anderer Menschen erzeugt eine bestimmte soziale Komplexität. Die Gruppengröße beeinflusst beispielsweise, wie viele soziale Signale gleichzeitig verarbeitet werden müssen. Eine Interaktion mit einer einzelnen Lehrkraft stellt andere Anforderungen als eine Situation mit dreißig Schüler:innen.

Hinzu kommt die Interaktionsdichte. Wie häufig finden Gespräche, Gruppenarbeiten, Partnerwechsel oder spontane soziale Aushandlungen statt?

Auch die soziale Dauerpräsenz ist relevant. Viele Bildungseinrichtungen bieten nur wenige Phasen, in denen soziale Anforderungen tatsächlich pausieren.

Selbstständiges Arbeiten findet häufig im selben Raum mit vielen anderen Menschen statt. Pausen sind sozial dicht. Wege zwischen Räumen sind belebt. Rückzug ist begrenzt. Für manche Menschen ist diese soziale Präsenz kaum belastend. Andere müssen kontinuierlich soziale Informationen verarbeiten, Nähe regulieren und ihre eigene Reaktion an die Situation anpassen.

Auch hier gilt: Sichtbare Teilnahme sagt noch nichts darüber aus, wie viel Regulationsaufwand dafür notwendig ist.


7. Bewegungs- und räumliche Bedingungen

Auch Raum und Bewegung sind institutionell organisiert. Schule legt häufig sehr genau fest, wo Menschen sich aufhalten, wie lange sie dort bleiben und welche Körperhaltung erwartet wird.

Ein zentraler Aspekt ist der Bewegungsspielraum. Darf eine Person sich bewegen, ohne dass dies automatisch als Störung interpretiert wird? Gibt es Möglichkeiten, Bewegung in Lernprozesse zu integrieren?

Hinzu kommt die Körperpositionswahl. Muss Lernen im Sitzen stattfinden? Sind Stehen, Wechselpositionen oder andere Arbeitsformen möglich?

Auch die räumliche Flexibilität spielt eine Rolle. Gibt es verschiedene Arbeitsbereiche? Können Menschen Abstand oder Nähe regulieren? Gibt es ruhigere Orte? Ist ein Arbeitsplatzwechsel möglich?

Gerade im Schulkontext zeigt sich hier deutlich, wie schnell eine institutionelle Norm mit Regulation verwechselt wird. Stilles Sitzen wird häufig mit Aufmerksamkeit gleichgesetzt. Bewegung dagegen wird leicht als mangelnde Regulation interpretiert. Dabei kann für manche Menschen gerade Bewegung eine Voraussetzung dafür sein, Aufmerksamkeit oder Aktivierung zu regulieren.


8. Vorhersagbarkeit und Anforderungstransparenz

Eine weitere zentrale Dimension betrifft die Frage, wie gut eine Bildungsumgebung Orientierung ermöglicht.

Ein wichtiger Faktor ist die Ablaufklarheit. Ist sichtbar, was als Nächstes passiert? Sind Tages- und Stundenstrukturen nachvollziehbar?

Hinzu kommt die Erwartungsklarheit. Wissen Schüler:innen, was von ihnen erwartet wird? Ist erkennbar, wann eine Aufgabe als erfüllt gilt? Sind Regeln konsistent?

Auch die Veränderungsankündigung ist bedeutsam. Wie früh werden Änderungen mitgeteilt? Werden Vertretungen, Raumwechsel, Sonderveranstaltungen oder Veränderungen im Ablauf angekündigt?

Vorhersagbarkeit ist dabei nicht mit Starrheit gleichzusetzen. Eine Umgebung kann flexibel und dennoch transparent sein. Entscheidend ist, ob Veränderungen so gestaltet werden, dass Menschen sich darauf einstellen können. Gerade für Regulation kann das einen erheblichen Unterschied machen.


Die acht Bereiche wirken nicht unabhängig voneinander

Auch auf der Umweltseite handelt es sich nicht um acht isolierte Kategorien. In der Realität greifen sie ineinander. Ein Raumwechsel kann beispielsweise gleichzeitig eine zeitliche, sensorische, soziale und organisatorische Anforderung darstellen. Eine Gruppenarbeit kann kommunikative, soziale, exekutive und informationsbezogene Anforderungen gleichzeitig erhöhen. Eine spontane Änderung im Stundenplan verändert nicht nur Vorhersagbarkeit, sondern möglicherweise auch Zeitstruktur, soziale Situation und exekutive Anforderungen.

Die Kategorien dienen deshalb nicht dazu, reale Situationen künstlich zu zerlegen. Sie helfen vielmehr dabei, sichtbar zu machen, an welchen Stellen Regulationsaufwand entstehen kann. Gerade in komplexen Bildungssituationen ist diese Differenzierung hilfreich. Statt allgemein zu sagen, ein Kind sei „überfordert“, lässt sich genauer fragen:

Ist die sensorische Reizlage zu hoch?
Ist die zeitliche Taktung zu eng?
Ist die Informationsdichte zu groß?
Ist zu viel Selbstorganisation erforderlich?
Sind Erwartungen zu implizit?
Ist die soziale Dauerpräsenz zu hoch?
Fehlt Bewegungs- oder räumlicher Spielraum?
Oder ist die Situation zu wenig vorhersehbar?

Diese Fragen führen weg von einer pauschalen Zuschreibung und hin zu einer funktionalen Analyse.


Gleiche Umwelt heißt nicht gleiche Anforderung

Ein besonders wichtiger Punkt ist, dass dieselbe objektive Umwelt nicht für alle Menschen dieselbe subjektive Regulationsanforderung erzeugt.

Zwei Kinder sitzen im selben Klassenraum. Beide hören dieselben Geräusche. Beide erhalten denselben Arbeitsauftrag. Beide haben dieselbe Zeit. Beide nehmen an derselben Gruppenarbeit teil. Und trotzdem kann der Regulationsaufwand sehr unterschiedlich sein. Das ist kein Widerspruch. Denn Umweltanforderungen treffen immer auf unterschiedliche individuelle Voraussetzungen. Gerade deshalb ist formale Gleichheit nicht automatisch funktionale Gleichheit. Wenn alle unter denselben Bedingungen lernen, bedeutet das nicht, dass alle dieselben Ausgangsbedingungen haben.

Wer wenig Energie dafür benötigt, Geräusche auszublenden, soziale Situationen zu verarbeiten, Aufgaben zu organisieren oder Übergänge zu bewältigen, kann einen größeren Teil seiner Ressourcen unmittelbar für fachliches Lernen einsetzen. Wer dagegen bereits einen erheblichen Anteil seiner Energie für Regulation und Anpassung benötigt, startet unter anderen Bedingungen.

Hier liegt eine wichtige Verbindung zur Frage von Bildungsungleichheit. Denn Ungleichheit entsteht nicht nur durch unterschiedliche Lernvoraussetzungen. Sie kann auch dadurch entstehen, dass institutionelle Strukturen von manchen Menschen deutlich mehr Anpassungs- und Regulationsleistung verlangen als von anderen.


Sichtbares Funktionieren kann hohe Kosten haben

Ein weiterer zentraler Punkt ist deshalb die Unterscheidung zwischen sichtbarer Funktionalität und tatsächlicher Beanspruchung.

Ein Mensch kann Anforderungen erfüllen und trotzdem dauerhaft über seine regulatorischen Ressourcen hinausgehen.

Er kann still sitzen. Er kann Aufgaben erledigen. Er kann gute Leistungen zeigen. Er kann sozial angepasst wirken. Und dennoch kann der dafür notwendige Regulationsaufwand sehr hoch sein. Gerade leistungsstarke Kinder und Jugendliche können dadurch leicht übersehen werden. Wenn Ergebnisse stimmen, wird oft angenommen, dass auch die Bedingungen passen. Das muss nicht der Fall sein. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:

Funktioniert es?

Sondern auch:

Was kostet es?

Diese Perspektive ist für eine regulationssensible Bildungsumgebung zentral. Denn langfristige Teilhabe sollte nicht davon abhängen, dass Menschen dauerhaft mehr Energie kompensieren müssen, als ihnen zur Verfügung steht.


Schule als institutionelle Regulationsumwelt

Aus dieser Perspektive lässt sich Schule als institutionelle Regulationsumwelt verstehen.

Sie stellt nicht nur Lernangebote bereit. Sie erzeugt gleichzeitig Anforderungen daran, wie Menschen wahrnehmen, regulieren, kommunizieren, planen, reagieren und sich organisieren. Damit beeinflusst sie, wie viel Regulationsarbeit notwendig ist, bevor fachliches Lernen überhaupt stattfinden kann. Das bedeutet nicht, dass Anforderungen grundsätzlich problematisch sind. Bildung braucht Struktur, soziale Interaktion, Zeitvorgaben und anspruchsvolle Lernprozesse. Die entscheidende Frage ist vielmehr, welche Anforderungen notwendig sind und welche lediglich aus institutionellen Gewohnheiten entstehen.

Muss eine fachliche Aufgabe zwingend unter Zeitdruck bearbeitet werden?

Muss Aufmerksamkeit durch stilles Sitzen sichtbar werden?

Muss eine Antwort sofort erfolgen?

Muss jede Aufgabe mündlich erklärt werden?

Muss soziale Beteiligung immer in Gruppen stattfinden?

Solche Fragen verschieben den Blick. Nicht jede Schwierigkeit muss durch zusätzliche Anpassungsleistung auf Seiten des Kindes gelöst werden. Manchmal liegt der wirksamere Ansatz darin, die Umweltanforderung genauer zu prüfen.


Der nächste Schritt: Von Anforderungen zu Passung

Mit den beiden bisherigen Perspektiven liegen nun zwei Seiten vor.

Auf der Personseite stehen individuelle Regulations- und Verarbeitungsvoraussetzungen. Auf der Umweltseite stehen institutionelle Regulations- und Verarbeitungsanforderungen. Beide Seiten allein erklären noch nicht, ob eine Bildungssituation gut funktioniert. Entscheidend ist ihr Verhältnis.

Im nächsten Beitrag werde ich deshalb beide Perspektiven in einem Passungsmodell zusammenführen. Dabei wird eine weitere Frage wichtig:

Was bestimmt, ob aus einer Differenz zwischen individuellen Voraussetzungen und Umweltanforderungen tatsächlich hoher Regulationsaufwand oder Misfit entsteht?

Hier kommen zwei weitere institutionelle Größen ins Spiel:

regulatorischer Spielraum und institutionelle Regulationsunterstützung.

Sie beeinflussen, wie flexibel eine Bildungsumgebung auf menschliche Variabilität reagieren kann und wie stark Regulation aktiv unterstützt wird.

Damit verschiebt sich die Perspektive noch einmal: Nicht nur: Was bringt der Mensch mit? und Was verlangt die Umwelt?

Sondern: Wie passen beide Seiten zusammen und wie kann Bildung so gestaltet werden, dass unterschiedliche Menschen unter möglichst tragfähigen Regulationsbedingungen lernen und teilhaben können?

Genau an dieser Schnittstelle beginnt aus meiner Sicht die eigentliche Frage nach einer neurodiversitäts- und regulationssensiblen Gestaltung von Bildung.